Cyclodrom – Radrennen auf der Stelle (Rolle) um 1900

Von Lars Amenda

Der massive Boom des Radsports auf der Bahn und auf der Straße in den frühen 1890er Jahren befeuerte die Produktion von Fahrrädern. Aber nicht nur das. In jenen Jahren wurden bereits erste fest installierte Trainings-Fahrräder für, nun ja, „Indoor-Cycling“ entwickelt und auf den Markt gebracht. Moriz Band notierte dazu 1895: „Für die Winterzeit, in der das Radfahren auf die gedeckten Hallen der Vereine beschränkt ist, haben ingeniöse (= erfinderische) Fabricanten Trainir-Apparate construiert, welche eine  Fortsetzung der körperlichen Thätigkeit in der ‘saison morte’ gestatten.“ (Band, S. 146) Rollen-Training auf „Hometrainern“ setzte also schon sehr früh ein und bei den ersten Apparaten konnte bereits der Widerstand der Rollen erhöht oder verringert werden. Die auf der Stelle und auf der Rolle Trainierenden mussten allerdings vor 1900 – und auch noch lange danach – bekanntermaßen auf die Segnungen von Film und Fernsehen während ihrer Einheiten verzichten.

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                                               Band (1895), S. 145.

Nicht nur Radsportler waren die Adressaten dieser Konstruktionen. Theodor Schiefferdecker lobte 1900 die Vorzüge des hölzernen „Zimmerfahrradapparats“ für Personen, „welche ihre Muskeln und ihr Herz erst durch allmähliche Übung zu der Leistungsfähigkeit erziehen wollen, welche für das Fahrrad notwendig ist, ferner für solche Leute, welche entweder nur ein Bein zum Treten benutzen können (auch solche können allerdings unter Umständen radfahren), oder welche übermässige Fettleibigkeit durch die Übung erst verringern wollen, dass sie nachher ein Fahrrad zu benutzen vermögen“. (Schiefferdecker, S. 460) Auch untrainierte Personen sollten auf diese Weise ihre Fitness langsam und behutsam steigern können.


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                                          Schiefferdecker (1900), S. 461.

Bevor wir uns gleich mit großen Schritten dem eigentlichen Thema nähern werden, möchte ich eine weitere Vorrichtung – fast hätte ich „Abart“ geschrieben – vorstellen, die sich aus mir unerfindlichen Gründen nicht hat durchsetzen können:


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                                  Das „Fahrrad-Bad“ (Daul (1906), S. 26).

Dieses sollte zwei Fliegen mit einer Klatsche schlagen und praktischerweise die körperliche Ertüchtigung mit sofortiger Körperhygiene verbinden. Anton Daul schrieb 1906 über die neuartige Interaktivität dieser pro-aktiven und durch und durch sportlichen Dusche: „Wenn der Velozipedist den rückwärts befindlichen Hahn andreht, kann er, je nachdem er die Pedale in Bewegung bringt, sich ein ein langsameres oder rascheres Schauerbad bereiten, und wenn er den Hahn zudreht, dasselbe beliebig wieder beenden.“ (Daul, S. 26)

Nun denn. Kommen wir zum Höhepunkt dieses Artikels. Der Hype um Radsport insbesondere im Frankreich der 1890er Jahre zeigte sich nicht nur auf den Radbahnen und bei den ersten Radrennen wie dem sehr einflussreichen „Paris – Brest _ Paris“ (1891), er manifestierte sich auch alsbald in der Alltagskultur. Laut Anton Daul wurde auf einer (nicht näher bezeichneten und datierten) Ausstellung in Genf ein überdachter „Apparat“ präsentiert, auf dem Radfahrer ihr Gefährt auf drei Rollen auf der Stelle fahren konnten und das mit einem „Zifferblatte“ versehen war, auf dem die virtuelle Geschwindigkeit angezeigt wurde. Im Pariser Park „Boie de Boulogne“ war diese Vorrichtung dann später der Öffentlichkeit zugänglich und erregte „die Aufmerksamkeit der Radfahrenden beiderlei Geschlechter“. (Daul, S. 36) Diese Version des Hau-den-Lukas für Fahrradfahrer belustigte ganz offensichtlich das Publikum, nicht zuletzt weil sich jeder und jede selber und höchstpersönlich wagemutig auf den Sattel schwingen konnte, um den Schaulustigen nach Möglichkeit zu imponieren – oder bei eben zu blamieren, falls die Beine doch nicht ganz so kraftvoll waren.

Bei dem „Rollen-Spiel“ per Fahrrad vermischte sich Wettstreit und Unterhaltung, was so gut ankam, dass einige Personen diese Idee noch weiter verfeinerten. Ein solcher findiger Geist war Clovis Clère, der als Direktor das bekannte Cabaret „Folies-Bergères“ in Paris leitete. Er ließ nicht nur ein Velodrom im Pariser Stadtteil Charenton bauen, sondern veranstaltete „in seinem Nachtclub Wettkämpfe auf Rollen“. (Maso, S. 22) Bei dem Etablissement handelte es sich wohl um den „Salon du Cycle“, wo Wettrennen auf der Rolle von mehreren Fahrern simuliert wurden. Vier „Rennfahrer“ konnten nebeneinander antreten und in die Pedale ihres Fahrrads treten, woraufhin die Kraft des jeweiligen Pedlalierenden auf vier kleine Radfahrer-Figuren in einer Art Miniatur-Velodrom übertragen wurde.


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                                                Daul (1906), S. 37.

„Auf ein Pistolenzeichen begannen sich sofort die Walzen zu drehen. Die Radfahrer begannen darauf erst langsam zu treten, beschleunigten das Treten ihrer Pedale, und demgemäß bewegten sich dann auch die Miniaturfigürchen auf der langen Tafel, vollständig die Bewegungen der Radfahrer nachmachend. Endlich war die Aufgabe erreicht, und da war dann ein Triumph, ein lärmender Applaus! Die wirklichen Wettfahrer verschwanden, nachdem sie mit ihren Miniatur-Nachahmern die vorgeschriebenen 24 Meilen 'durchgetreten’ hatten, und machten wieder einer gleichen Anzahl von Radfahrern Platz.“ (Daul, S. 38) Aufgrund der Übertragung auf die kleine Radrennbahn erhielten die Fahrten im „Cyclodrom“ einen echten Wettstreit-Charakter und sorgten, wie im vorangegangenen Zitat wiedergegeben, für eine aufgekratzte Stimmung. Die Zuschauer konnten nicht nur die schwitzenden und sich verausgabenden Fahrer aus nächster Nähe bewundern, falls dies von ihnen erwünscht gewesen sein sollte, sie konnten auch das Renngeschehen wie auf einer „Carrera-Bahn“ verfolgen, was ein gelungener Gag war, der allgemeinen Radrenn-Begeisterung frönte und diese gleichzeitig ein wenig ironisierte. Das Cyclodrom spiegelte  den Enthusiasmus für tatsächliche Radrennen wider und sorgte auf spielerische Weise für eine sportliche Unterhaltung im Paris des Fin de Siècle.  

Ähnliche „Radrennen“ und Inszenierungen haben in der Folge auch andernorts stattgefunden. Die Idee war als Unterhaltungsprogramm in der frühen Blütezeit des Radsports einfach zu attraktiv. Eine schöne Postkarte ist bei Lebeck (Das Zweirad, S. 115) reproduziert, die ein „Radrennen auf der Bühne“ um 1900 zeigt. Zu sehen ist „Claire Porté“ - „Champion Cyclistin von 'Süd-Russland’, assistiert von dem bekannten Motorrennfahrer Willy Porté“. Beide Fahren auf Rollen, links von Ihnen ist ein riesiges Ziffernblatt zu sehen. Auch wenn es sich bei den Portés um ein Paar handelte, war der Anblick einer sich verausgabenden Radfahrerin auf der Rolle und auf der Bühne für die anwesenden Herren vermutlich besonders reizvoll.

Auch für Hamburg existiert ein nicht ganz uninteressanter Hinweis. Erich Witt schreibt in seiner Chronik des Hamburger Radsports 1933: „Der Vollständigkeit halber sei hier noch ein großes Hometrainerrennen erwähnt, welches 1909 in der Altonaer Flora allabendlich große Zuschauermengen anlockte. Aus einem erlesenen Felde wie Robl, Arend, Rüdiger, Altohoff, Stabe, Techmer, Tetzlaff, Sonntag – Deutschland, Kudela – Österreich, Carapezzi – Italien u. a. siegte der Hannoveraner Willi Arend.“ (Witt, S. 107) In dem damaligen Flora-Theater wurde also  ein internationales Turnier ausgetragen, was Witt zufolge beim Publikum sehr gut ankam. Auch hier vermischte sich Sport und Unterhaltung auf engste Weise und auch die Hamburger (und Altonaer) fieberten mit und amüsierten sich beim Anblick dieses Radrennens auf der Rolle, auch wenn – vielleicht gerade deshalb – die Rennfahrer nicht von der Stelle kamen.  

Quellen und Literatur: Moriz Band, Handbuch des Radfahr-Sport. Technik und Praxis des Fahrrades und des Radfahrens, Lemgo: Johann Kleine Vennekate Verlag, 2013 (Erstaufl. 1895), S. 145-148; Anton Daul, Illustrierte Geschichte der Erfindung des Fahrrades und der Entwicklung des Motorfahrradwesens. Mit einem Nachwort von Gert Schellenberg, Nachdruck, Lindau: Antiqua-Verlag, o.J. (Erstaufl. Dresden: Verlag von R. Creutz, 1906); Robert Lebeck (Hrsg.), Das Zweirad. Postkarten aus alter Zeit. Mit einem Nachwort von Jost Pietsch, Harenberg: Dortmund, 1981 (Die bibliophilen Taschenbücher, Nr. 242); Benjo Maso, Der Schweiß der Götter. Die Geschichte des Radsports, Bielefeld: Covadonga, 2011; P. Schiefferdecker, Das Radfahren und sein Hygiene. Nebst einem Anhang: Das Recht des Radfahrers von Professor Dr. jur. Schumacher. Mit 328 in den Text gedruckten Abbildungen, o. O. 1900 (als Reprint hrsg. von Hans-Erhard Lessing, Fahrrakultur 1: Der Höhepunkt um 1900, Reinbek: Rowohlt, 1982); Erich Witt, Radfahrsport, in: H(einrich) Hasperg (Hrsg.), Ein Jahrhundert Sport in Hamburg, Hamburg: Br. Sachse, o. J. (1933), S. 102-110.

Hamburg, den 7. November 2014